S.I.G.N.A.L. e.V.
Intervention im Gesundheitsbereich gegen häusliche und sexualisierte Gewalt

Interview mit Rosa Logar (GREVIO) und Maria Rösslhumer (Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser)

Für unseren 14. Newsletter mit dem Schwerpunkt „Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Häuslicher Gewalt“ (Istanbul-Konvention) haben wir im November 2017 mit zwei Frauen über die Konvention und ihre Bedeutung für den Gesundheitsbereich gesprochen.
 

Rosa Logar war beteiligt an der Erarbeitung der Konvention und ist seit 2015 Mitglied des Gremiums GREVIO (Group of Experts on Action Against Violence Against Women), das für die Überprüfung der Umsetzung der Konvention verantwortlich ist. Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonomer Österreichischer Frauenhäuser, war maßgeblich an der Erstellung eines Schattenberichts zur Umsetzung der Konvention in Österreich beteiligt.

 
S.I.G.N.A.L.: Frau Logar, welche Bedeutung haben Gesundheitspolitik und Gesundheitsversorgung in der Konvention?

Fr. Logar: Der Gesundheitsbereich spielt für das Ziel der Konvention, Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt zu verhindern, eine wichtige Rolle! Die Prävalenzstudie der EU Grundrechtsagentur zu Gewalt gegen Frauen, bei der über 40.000 Frauen interviewt wurden, zeigt dass zwei Drittel der Frauen nicht einmal die schwerste Gewalttat, die sie erlebt haben bei der Polizei oder einer anderen Einrichtung anzeigen. Ein Grund dafür ist oft das fehlende Vertrauen der Opfer in die Polizei (FRA 2014).
Ein Drittel der Opfer suchten aber Hilfe bei ihrer Ärztin/ihrem Arzt, in einem Krankenhaus oder einer anderen Gesundheitseinrichtung. Dies zeigt, dass der Gesundheitsbereich ein großes Potential hat, Gewalt zu erkennen und den Opfern frühzeitig Hilfe anzubieten. Die Umsetzung der Istanbul Konvention ist daher im Gesundheitsbereich besonders wichtig und Modellprojekte wie S.I.G.N.A.L können wesentlich dazu beitragen.

S.I.G.N.A.L.: Welche konkreten Erwartungen ergeben sich hieraus hinsichtlich der Beteiligung von Gesundheitspolitik und -versorgung an der Umsetzung der Konvention?

Fr. Logar: Die wichtige Rolle des Gesundheitssystems wird im Artikel 20 direkt angesprochen. Darin heißt es:
Opfer aller Formen von Gewalt an Frauen und häuslicher Gewalt müssen Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Davon umfasst sind alle Gruppen von Frauen und Mädchen (der Begriff Frauen in der Konvention umfasst auch Mädchen), auch diejenige die keine Versicherung und keinen Aufenthaltsstatus haben.
Der Artikel 20 besagt weiter, dass Gesundheitseinrichtungen so ausgestattet sein müssen, dass Opfer von Gewalt adäquat betreut werden können. Das umfasst z.B. dass es genügend Ressourcen gibt um mit PatientInnen, die Opfer von Gewalt wurden oder bei denen dies vermutet wird, in einem sicheren Ambiente zu sprechen, die Gewalt genau zu dokumentieren, Patientinnen professionell zu versorgen und eng mit spezialisierten Einrichtungen zusammenzuarbeiten, die die Betroffenen dann weiter beraten und begleiten.
Der Artikel 25 erfordert, dass es Einrichtungen geben muss, die insbesondere bei sexueller Gewalt medizinische und forensische Untersuchungen durchführen.
Der Artikel 15 besagt, dass alle Fachkräfte, auch Fachkräfte im Gesundheitsbereich, sowohl in der Ausbildung als auch in Fortbildungen entsprechend geschult und zur Kooperation mit anderen Einrichtungen befähigt werden müssen.
Schulungsmaßnahmen alleine gehen leicht ins Leere gehen und sind nicht nachhaltig, wenn sie nicht in die Abläufe und Standards von Einrichtungen eingebettet sind. Das Management in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen ist daher gefordert, klare Richtlinien und Qualitätsstandards für den Umgang mit Gewalt in der Familie und Gewalt an Frauen zu etablieren und diese regelmäßig zu evaluieren und anzupassen (Erläuterungen zum Artikel 15).
Anregungen für die Etablierung von Qualitätsstandards für Krankenhäuser bietet zum Beispiel folgende Publikation: Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie (Hg.) (2016): Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt handeln. Leitfaden für Leitung und Praxis in Krankenhäusern zur Versorgung von gewaltbetroffenen PatientInnen; Publikation erstellt im Rahmen des EU Projektes GewaltFREI LEBEN, Autorinnen: Elisabeth Gruber und Rosa Logar mit Unterstützung von Michaela Egger, Wien. Zu bestellen bei: office@interventionsstelle-wien.at

S.I.G.N.A.L.: GREVIO prüft die Umsetzung der Konvention in den Staaten, die die Konvention ratifiziert haben. Gibt es bereits Erfahrungen im Hinblick auf die Umsetzung im Gesundheitsbereich? Gibt es Beispiele guter Praxis?

Fr. Logar: Ja, die gibt es, zum Beispiel in Österreich. Österreich ist eines der beiden ersten Länder, die in Bezug auf die Implementierung der Konvention vom GREVIO Komitee überprüft wurden. Im GREVIO Bericht zu Österreich wird die gesetzliche Regelung zur Einrichtung von Opferschutzeinrichtungen in Krankenhäusern lobend erwähnt. Gleichzeitig wird Österreich dringend empfohlen, dieses Gesetz flächendeckend umzusetzen und Opferschutzgruppen für Kinder und erwachsene Opfer tatsächlich in allen Spitälern zu installieren.

S.I.G.N.A.L.: Frau Rösslhumer, welche Ansätze zur Umsetzung der Konvention gibt es im Aus-/Fortbildungsbereich in Österreich?

Fr. Rösslhumer: Vorab, wir haben gute Konzepte für Interventionsmaßnahmen und für Fortbildungen vorliegen, z.B. aus der Kampagne „GewaltFREI LEBEN“. Einige NGOs arbeiten in dem Bereich und versuchen Fortbildungen und Interventionsmaßnahmen zu verankern. Generell fordert das GREVIO Komitee, dass alle Berufsgruppen geschult werden sollten und dass das Thema in die Ausbildung implementiert werden sollte. Das wird seit einem Jahr in Österreich versucht und zwar im Rahmen des Nationalen Aktionsplans zu Gewalt an Frauen und gemeinsam mit der Frauen- und Gesundheitsministerin. Diese wichtige Arbeit steht am Anfang und es benötigt eventuell auch hier eine gesetzliche Maßnahme. Natürlich braucht die Umsetzung von Fortbildungen und Interventionsmaßnahmen ebenfalls Ressourcen.

S.I.G.N.A.L.: Welche Möglichkeiten sehen Sie Vertreterinnen von Kliniken, Praxen, Arzt-/Pflegevertretung in die Diskussion mit einzubeziehen?

Fr. Rösslhumer: Dazu bräuchten wir noch viel mehr Zusammenschlüsse, Konferenzen und Tagungen um alle an einen Tisch zu bringen. Wir haben das 2009 gehabt, da wurde ein Auftrag erteilt an eine Gesundheitsinstitution für die Entwicklung eines Leitfadens/Manuals mit dem Titel: Gesundheitliche Versorgung gewaltbetroffener Frauen. Ein Leitfaden für Krankenhaus und medizinische Praxis. zum Leitfaden
Da waren 60 Vertreterinnen von allen Bereichen an einem Tisch und wir haben gemeinsam das Manual entwickelt. Aktuell gibt es keine solche Zusammenarbeit. Wir bräuchten erneut Runde Tische, wo wir zusammen Strategien überlegen und alle wichtigen Player einbeziehen. Es wäre wichtig dass ZahnärztInnen, GynäkologInnen, ChirurgInnen – alle Disziplinen – vertreten sind.

S.I.G.N.A.L.: Was läuft gut aus Ihrer Sicht mit der Gesundheitsversorgung im Hinblick auf die Umsetzung der Konvention?

Fr. Rösslhumer: Wir haben den Eindruck dass die Spitäler sehr interessiert sind an der Thematik. Wir werden zu Trainings eingeladen und sie sind auch konfrontiert mit der Problematik. Ein Gebiet das z.B. noch nicht gut versorgt ist sind die niedergelassenen ÄrztInnen. Hier haben wir noch weniger Zugang. Es gibt Projekte, projektbezogene Kooperationen, die gut laufen. Wie bereits erwähnt hatten wir eine Kampagne mit dem Titel „Gewaltfrei leben in unserem Krankenhaus“ (2015-2016). Aber es gibt keine einheitliche Kooperation. Es gibt viele engagierte ÄrztInnen und Pflegekräfte, aber die powern sich oft aus und haben zu wenig Ressourcen. Sie müssen bei ihrer Arbeit unterstützt werden. Am wichtigsten ist deshalb aus meiner Sicht, dass die Politik endlich einen klaren Versorgungsauftrag formuliert und ihn auch finanziell untersetzt!

S.I.G.N.A.L.: Frau Logar, Frau Rösslhumer, wir bedanken uns herzlich für das Interview.