Themen-Spezial: Von häuslicher Gewalt betroffene Männer

In unseren Fortbildungen und Veranstaltungen werden wir immer wieder auf von häuslicher Gewalt betroffene Männer angesprochen und nach Besonderheiten im Erkennen und in der Intervention gefragt. Wir wissen zwar, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden, für Deutschland fehlen jedoch bisher repräsentative Zahlen. Die Pilotstudie des BMFSFJ (2004) zu Gewalterfahrungen von Männern mit 266 Befragten kommt zu dem Ergebnis, dass Männer in Partnerschaften sowohl von körperlicher, sexueller als auch psychischer Gewalt bis hin zu schweren systematischen Misshandlungen betroffen sein können. Wie alle Betroffenen benötigen sie eine sensible und bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung. Dabei müssen die spezifischen Merkmale männlicher Betroffenheit Beachtung finden: Internationale Forschungsergebnisse zeigen, dass sich der Anteil von Männern an allen Betroffenen proportional verringert, je massiver die Gewalthandlung ist. So berichteten in der Pilotstudie 23% der betroffenen Männer, durch erlebte Partnerschaftsgewalt Verletzungen davongetragen zu haben. Keiner der Befragten gab an, von der Partnerin verprügelt oder zusammengeschlagen worden zu sein, am häufigsten wurde von wütendem Wegschubsen und leichten Ohrfeigen berichtet. Darüber hinaus berichtete knapp die Hälfte der betroffenen Männer in der Pilotstudie, sich körperlich gewehrt oder zuerst Gewalt angewendet zu haben. Dieser Befund deckt sich mit internationalen Studien, nach denen betroffene Männer Partnerschaftsgewalt zu einem größeren Anteil in wechselseitigen Gewaltsituationen und nicht als systematische Gewaltanwendung erleben. Eine differenzierte Wahrnehmung des Kontexts und der Schwere erlebter Gewalt sowie der Machtdynamiken innerhalb einer Paarbeziehung ermöglicht einen sensiblen Umgang mit Gewaltbetroffenen.

Georg Fiedeler

Als Interviewpartner zum Schwerpunkt dieses Newsletters konnten wir Georg Fiedeler gewinnen. Er ist Sozialpsychologe M.A. und Systemischer Therapeut und leitet den Arbeitsbereich „Beratung männlicher Opfer Häuslicher Gewalt“ im Männerbüro Hannover e.V. und die „Fachberatungsstelle Anstoß – gegen sexualisierte Gewalt an Jungen und männlichen Jugendlichen“ in Hannover. Im Herbst 2020 werden von ihm zwei Beiträge zum Thema "Männer als Betroffene von Partnerschaftsgewalt" im Herausgeberwerk "Handbuch häusliche Gewalt", Schattauer Verlag, erscheinen .

S.I.G.N.A.L.: Als Mitarbeiter des Männerbüros Hannover beraten Sie seit vielen Jahren Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Wenn Sie auf ihre Erfahrungen blicken: Spielen bestimmte Faktoren wie Alter, Bildung, Schicht, sexuelle Orientierung oder Ähnliches eine Rolle für die Betroffenheit von häuslicher Gewalt? Welche Arten von Gewalt erleben die Männer, die Sie beraten, in ihren Paarbeziehungen?

Georg Fiedeler: Das Männerbüro Hannover ist jährlich mit über 500 Fällen von Partnerschaftsgewalt gegen Männer befasst. Darunter befinden sich Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen, unabhängig von sexueller Orientierung und Bildungsstand. Ich würde sagen, es bildet sich bei den Betroffenen ein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft ab. Allerdings habe ich den Eindruck, dass ein höheres Bildungsniveau die Schwelle zur Beratung herabsetzt, während in bildungsferneren Milieus die Hürde, die Polizei einzuschalten, weniger ausgeprägt erscheint. Aber das ist ein subjektiver Eindruck, der vor allem dadurch zustande kommt, dass der Anteil der Männer, die sich aus eigener Initiative an uns wenden, proportional über mehr Bildungsressourcen verfügt als die von der Polizei zugewiesenen Fälle.

Das Spektrum der Gewalthandlungen reicht von Bedrohungen und Erniedrigungen über die mutwillige Zerstörung von persönlichen Gegenständen, die systematische Kontrolle von Sozialbeziehungen und das Ausnutzen ökonomischer Abhängigkeiten bis zu körperlicher Gewalt, mit zum Teil erheblichen Verletzungsfolgen. Es gibt auch sexuelle Übergriffe. Körperverletzungsdelikte machen über die Hälfte der angezeigten Straftaten aus, doch in den Beratungen wird deutlich, dass verbale Angriffe häufiger vorkommen und die dadurch ausgelösten seelischen Verletzungen subjektiv oft als schlimmer empfunden werden.

Bei der Exploration der Gewaltsituationen gibt es immer wieder auch Hinweise auf wechselseitige Partnerschaftsgewalt. Wir klären dann anhand der Betrachtung einer konkreten Situation gemeinsam mit dem Klienten die jeweiligen Verantwortlichkeiten der beteiligten Akteur*innen. Eine deliktorientierte Perspektive und das Prinzip, dass jeder die hundertprozentige Verantwortung für sein Handeln hat, helfen dabei, klarzubleiben und nicht die Beziehungsdynamik mit der Gewaltdynamik zu vermischen.

S.I.G.N.A.L.: Von welchen gesundheitlichen Folgen berichten die Männer, die Sie beraten bzw. welche nehmen Sie bei ihnen wahr?  

Georg Fiedeler: Einige Klienten tragen schwere körperliche Verletzungen davon, darunter Schnitt- und Stichwunden, Knochenbrüche und irreversible Schädigungen, wie z.B. die Lähmung der Hand nach einem Messerstich in den Unterarm. Andere weisen Schürf-, Kratz, Biss- und Platzwunden sowie Prellungen und Hämatome auf. Auch von thermischen Verletzungen durch kochende Flüssigkeiten, Bügeleisen oder Zigarettenglut wird immer wieder berichtet. In ca. 20% der angezeigten Fälle wurden Gegenstände als Waffe eingesetzt.

Neben den körperlichen Verletzungsfolgen berichten die Männer von psychischen Belastungen durch Traumafolgestörungen, Niedergeschlagenheit, sozialen Rückzug, und Verlust von Selbstvertrauen. Viele Klienten befinden sich in einer Problemtrance, alles dreht sich dann nur noch um die Konflikte und die Partnerin. Durch die Konditionierung auf Vermeidungsstrategien und die inhaltliche Verstrickung in Konflikte haben sie oft den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen und Grenzen verloren.  Sie leiden unter Schlafstörungen, Zuständen innerer Unruhe, Konzentrationsstörungen und Ängsten. Dazu kommen Scham, Schuldgefühle und Stigmatisierungsängste sowie Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit.

S.I.G.N.A.L.: Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Schwierigkeiten, Männer als Betroffene häuslicher Gewalt in der Gesundheitsversorgung zu erkennen?

Georg Fiedeler: Viele Männer haben Stigmatisierungsängste und schämen sich, dass ihnen als Mann Gewalt widerfahren ist. Sie zeigen sich häufig nicht mit ihren Verletzungen und werden daher auch nicht sichtbar. Forschungsergebnisse belegen, dass die überwiegende Mehrheit der Betroffenen mit ihrer Gewalterfahrung allein bleibt und mit keiner anderen Person darüber spricht. Wenn betroffene Männer auf sichtbare Verletzungen angesprochen werden, so die Praxiserfahrung, bagatellisieren sie die Verletzungsfolgen oft und schreiben sich darüber hinaus selbst die Schuld an dem Gewaltgeschehen zu. Wenn Männer Gewalterfahrungen ansprechen, kann es sein, dass sie darin nicht ernst genommen werden und keine adäquate Versorgung erfahren.

Dahinter steht, dass es kein soziales Rollenskript für männliche Gewaltopfer gibt und Opfererfahrungen im Widerspruch zu vorherrschenden Geschlechterstereotypen stehen: „Boys don’t cry.“ Das alles führt dazu, dass Männer als Opfer von Gewalt von der Gesellschaft nicht angemessen wahrgenommen werden.

 S.I.G.N.A.L.: Welche Empfehlungen haben Sie für Gesundheitsfachpersonen für den Umgang mit männlichen Betroffenen häuslicher Gewalt? Gibt es Angebote, die Sie empfehlen können?

Georg Fiedeler: Das Wichtigste scheint mir zu sein, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass auch Männer von häuslicher Gewalt betroffen sein können. Wenn wir das mitdenken, haben wir eine grundsätzliche Voraussetzung dafür geschaffen, solche Männer auch wahrnehmen zu können. Wir können ihnen dann signalisieren, dass wir darum wissen. Etwa, indem wir bei Befunden oder anderen Anzeichen, die eine Vermutung auf häusliche Gewalt auslösen, dieses Thema auch ansprechen und danach fragen. Natürlich ist das nicht leicht und erfordert einen sensiblen Umgang. Aber man kann einem Patienten schon sagen, dass man sich bei bestimmten Beschwerden angewöhnt hat, auch Männer nach häuslichen Gewalterfahrungen zu fragen, weil diese viel häufiger vorkommen, als das gemeinhin angenommen wird. Und dass man weiß, dass es für Männer besonders schwer ist, darüber zu sprechen. Das erleichtert es ihnen, sich zu zeigen und Unterstützung anzunehmen. Ich denke, es ist also in erster Linie eine Frage der Haltung, die auch eine Solidarisierung der Geschlechter gegen Gewalt erforderlich macht.

In Hannover machen wir gute Erfahrungen mit dem Konzept der „proaktiven Opferansprache“, bei dessen Umsetzung wir zu sämtlichen Männern, die im Kontext häusliche Gewalt als Geschädigte polizeilich aktenkundig geworden sind, proaktiv Kontakt aufnehmen und Beratungen anbieten. Auf diese Weise erreichen wir viele Männer, die von sich aus keine Beratung aufgesucht hätten.

Eine weitere sinnvolle Einrichtung ist das von der Medizinischen Hochschule Hannover koordinierte Netzwerk ProBeweis, das gerichtsverwertbare Dokumentationen von Verletzungen durchführt. Das Netzwerk ProBeweis ist in Niedersachsen mit über 40 Untersuchungsstellen vertreten und trägt so zur Sicherung von Beweisen auch von betroffenen Männern bei, wenn diese sich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage fühlen, eine polizeiliche Anzeige zu erstatten.

S.I.G.N.A.L.: An welchen zwei Punkten sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf in der Gesundheitsversorgung und darüber hinaus, um männliche Betroffene häuslicher Gewalt besser zu unterstützen?

Georg Fiedeler: Eine zentrale Rolle von Gesundheitsfachkräften im Umgang mit Gewaltbetroffenen ist die Weitervermittlung an Unterstützungsangebote. Leider gibt es viel zu wenig spezialisierte Beratungsstellen und Zufluchtsorte für von häuslicher Gewalt betroffene Männer, an die weiterverwiesen werden kann.

Ein möglichst flächendeckender Ausbau von spezialisierten Fachberatungsstellen ist daher dringend erforderlich, um die Versorgung der Betroffenen durch niedrigschwellige Unterstützungsangebote zu verbessern. Zudem würden solche Institutionen das Thema sichtbar werden lassen und zu einer Enttabuisierung beitragen.

Auch gibt es bundesweit nur wenige Zufluchtsorte für von häuslicher Gewalt betroffene Männer, mit der Folge, dass Männer häufig in Gewaltsituationen verbleiben und sich der Gewaltkreislauf in vielen Fällen fortsetzt. Die Einrichtung solcher Zufluchtsorte würde nicht nur zu einer Entspannung der häuslichen Situation führen und dazu beitragen, Gewaltsituationen zu deeskalieren, sondern auch männlichen Opfern die Teilhabe an Versorgungsstrukturen bei häuslicher Gewalt ermöglichen.

Die Einrichtung männerspezifischer Angebote sollte dabei nicht auf Kosten frauenspezifischer Hilfseinrichtungen gehen, sondern zusätzlich zur Verfügung gestellt werden, um die Opfergruppen nicht gegeneinander auszuspielen oder untereinander zu hierarchisieren. In der Praxis hat sich die Zusammenarbeit von Frauen- und Männereinrichtungen bewährt.

S.I.G.N.A.L.: Wir bedanken uns für das Interview.

Das Interview führte Rona Torenz, Referentin der Koordinierungsstelle.

Kontaktdaten:

Georg Fiedeler, Männerbüro Hannover e. V.

Ilse-ter-Meer-Weg 7, 30449 Hannover

Tel.: +49 (0)500 - 123 589 0

Fax: +49 (0) 511 - 123 589 20