Themen-Spezial: 20 Jahre S.I.G.N.A.L. e. V. und 10 Jahre Koordinierungsstelle

Interview mit Angelika May

Seit 20 Jahren engagiert sich "S.I.G.N.A.L. e. V. Intervention im Gesundheitsbereich gegen häusliche und sexualisierte Gewalt" für eine sensible und verbindliche gesundheitliche Versorgung von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt Betroffener. Der Verein konnte mit dem S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm und verschiedenen Projekten schon viele Meilensteine erreichen. Hierzu gehören auch die drei Projekte, deren Träger S.I.G.N.A.L. e. V.  ist und die durch die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung finanziert werden.

Seit 2010 beschäftigt sich die "Koordinierungs- und Interventionsstelle zur Förderung der Intervention und Prävention in der Gesundheitsversorgung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt" mit der Etablierung und Umsetzung von Interventions- und Präventionskonzepten bei häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt in der Gesundheitsversorgung. Sie fördert weiterhin die Entwicklung und Integration von Qualifizierungsmaßnahmen zur Thematik in die Aus-, Fort- und Weiterbildung für Gesundheitsberufe, die Vernetzung zwischen Gesundheitsversorgung und weiterem spezialisiertem Hilfesystem und entwickelt und veröffentlicht Informationsmaterialien, Newsletter und Fachbeiträge für Betroffene, Fachpersonen und (Fach-)Öffentlichkeit.

In der Arbeit zeigte sich zum einen die Notwendigkeit, die traumatherapeutische Versorgungssituation für (komplex)traumatisierte Frauen und ihre Kinder zu verbessern und bestehende Angebote in ein Netzwerk einzubinden. Dies führte 2018 zu der Etablierung der "Fachstelle Traumanetz Berlin". Zum anderen wurde deutlich, dass die Umsetzung der 2013 veröffentlichten WHO-Empfehlungen, sowie der Vorgaben der sogenannten Istanbul-Konvention, eines neuen Herangehens bedurften. Im Januar 2019 rief die Berliner Gesundheitssenatorin Frau Kalayci den "Runden Tisch Berlin - Gesundheitsversorgung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt" ins Leben, an dem sich aktuell 29 Organisationen beteiligen. Die Geschäftsstelle des Runden Tischs Berlin ist bei S.I.G.N.A.L. angesiedelt.

Angelika May

Wir haben zum 20-jährigen Jubiläum des S.I.G.N.A.L. e. V. und des 10-jährigen Jubiläums der Koordinierungsstelle mit Angelika May gesprochen. Sie ist Diplom Sozialpädagogin, Mitarbeiterin bei Frauenzimmer e. V., Ideengeberin des S.I.G.N.A.L.-Leitfadens sowie Mitbegründerin und Vorstandsfrau des Vereins

S.I.G.N.A.L.: Was bzw. wer verbirgt sich hinter S.I.G.N.A.L. e. V., wer sind die Akteur*innen?   

Angelika May: Die Frage nach den Akteur*innen hinter SIGNAL e.V. lässt sich am besten beantworten im Zusammenhang mit den Motiven zur Vereinsgründung, den Visionen und den Zielen, die wir hatten und haben. Bis weit in die 90-iger Jahre hinein hatten wir in Deutschland die Situation, dass ausschließlich den Schutzeinrichtungen und Fachberatungsstellen die Verantwortung für die Versorgung gewaltbetroffener Frauen und Kinder gegeben wurde. Häusliche Gewalt gegen Männer war damals noch gar kein Thema.

Erkenntnisse aus der Frauenforschung und jahrelangen Anti-Gewalt-Arbeit zeigten damals schon deutlich, dass Gewaltbetroffene aber einen sehr differenzierten Hilfebedarf haben und durch die Gewaltfolgen mit verschiedenen Hilfesystemen und Institutionen wie Polizei, Kinder-und Jugendhilfe, Gesundheitswesen usw. in Kontakt kommen. Dort war damals das Thema häusliche und sexualisierte Gewalt noch weitgehend tabuisiert, wurde bei der Hilfesuche von Fachpersonen nicht erkannt oder aus Unsicherheit nicht angesprochen, so dass Betroffene in ihrem Gefühl bestärkt wurden, es handele sich um ihr privates Problem bei dessen Lösung niemand helfen kann.

Die Erkenntnis, dass im Gesundheitswesen alle Menschen – also auch Gewaltopfer – erreicht werden und die Idee, die doch offensichtliche Unter- und Fehlversorgung dort zu beseitigen, zugunsten von Unterstützungsmaßnahmen für Gewaltbetroffene, führte letztendlich zur Vereinsgründung. Wir wussten, dass wir einen langen Atem und eine Organisationsform brauchen, um Finanzmittel zu akquirieren, weil die Implementierung von Interventionsmaßnahmen in einem großen und vielfältigen Gesundheitswesen nicht ehrenamtlich zu leisten sein würde.

SIGNAL e.V. wurde in der Folgezeit ein Ort der Auseinandersetzung, Kooperation und Vernetzung für Gesundheitsfachpersonen, Anti-Gewalt-Mitarbeiterrinnen, Forscher*innen  und Politiker*innen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen zusammenbrachten und Interventionsstrategien entwickelten, die an Gesundheitseinrichtungen, deren Bildungsträger und die Gesundheitspolitik herangetragen wurden. Wir waren von Beginn an überzeugt, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit das Mittel der Wahl ist. Heute lebt der Verein von engagierten Mitarbeitenden, einem erfahrenen Trainer*innen-Pool, der Zusammenarbeit mit Kooperationspartner*innen und viel ehrenamtlichem Einsatz.

S.I.G.N.A.L.: Wenn Du auf die letzten 20 Jahre S.I.G.N.A.L. e. V. zurück blickst: Was sind aus Deiner Sicht die größten Erfolge und wie konnten sie erreicht werden?

Angelika May: Die letzten 20 Jahre haben mir gezeigt, dass die Entwicklung von Interventionsmaßnahmen im Gesundheitswesen Zeit, ein professionelles Vorgehen, eine verbindliche Kommunikation und die richtigen Fachpersonen am richtigen Ort braucht. Entscheidend und wegweisend waren aus meiner Sicht zwei Dinge:

Wir konnten sowohl Geldgeber als auch Kooperationspartner*innen finden, die mit uns Wegstrecken gegangen sind und weiter mit uns gehen. Es fing damit an, dass das BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) uns mit der Finanzierung von zwei Bundesmodellprojekten zur Erprobung von Interventionsmodellen ermöglicht hat, wichtige Erkenntnisse über die Bedeutung von Intervention in Krankenhäusern und Praxen zu erlangen. Die Finanzierung der Koordinierungsstelle (KIS) ab 2010 durch die Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin war für mich dann ein weiterer Meilenstein, weil wir durch bezahlte Mitarbeiter*innen die Arbeit und das Vorgehen intensivieren konnten. Die KIS ist nach wie vor die Basis, von der aus mit Kooperationspartner*innen weitere Projekte entwickelt wurden, wie das WHO-Leitlinien-Projekt oder die Fachstelle Traumanetz Berlin.

Ich möchte gerne im Namen des Vorstandes die Gelegenheit nutzen, mich bei allen Kooperationspartner*innen und Geldgebenden für die gute Zusammenarbeit zu bedanken. Manchmal war es sicher auch anstrengend, aber immer lohnend.

Ja, gemeinsam haben wir Vieles erreicht, wovon ich vor 20 Jahren noch nicht so eine klare Vorstellung hatte. Ich hätte damals nicht gedacht, dass einmal an einem Runden Tisch die Senatorin für Gesundheit, die Gesundheitsverwaltung sowie Leitungspersonen und Vertreter*innen von 29 Organisationen, Institutionen und Netzwerken interdisziplinär über die Einführung von Interventionsstandard verhandeln, in der Pflege- und Hebammenausbildung und in den Berufsschulen für MFA/ZFA ein Tag zu Interventionsmaßnahmen mit unseren erprobten Curricula angeboten wird, Fachpersonen interdisziplinär im Traumanetz Versorgungspfade entwickeln, SIGNAL-Ziele und Anliegen in Koalitionsverträgen stehen, Anforderungen im Krankenhausplan festgehalten sind und niemand mehr ernsthaft behaupten kann, dass Intervention bei häuslicher und sexualisierter Gewalt kein Thema für die Gesundheitsversorgung ist. Als Erfolg werte ich es auch, dass erste Schritte gelungen sind, weitgehend getrennte Hilfesysteme wie z.B. Frauen- und Kinderschutz, Behindertenhilfe, Suchthilfe usw. in Kontakt zu bringen und damit auch die Bedarfe einzelner gewaltbetroffener Zielgruppen in den Blick zu nehmen.

S.I.G.N.A.L.: Du warst von Anfang an dabei und bist heute im Vorstand des S.I.G.N.A.L. e. V. Haben sich der Verein und seine Arbeit verändert?

Angelika May: Ja natürlich, der Verein hat sich verändert und ist mit der Anzahl an Mitarbeitenden, Projekten und Herausforderungen gewachsen. In den Anfangsjahren gab es eine Gruppe engagierter ehrenamtlicher Frauen, die in erster Linie die Widerstände gegenüber dem Interventionsgedanken bearbeiten mussten. Heute gibt es ein professionelles Team mit drei Projekten und einem großen Netzwerk und der Arbeitsschwerpunkt hat sich verschoben in Richtung Verankerung von Interventionsmaßnahmen. Also, was kann getan werden, damit gute Praxisansätze nicht wieder in der Schublade verschwinden. Nebenbei sind die Methoden vielfältiger geworden. Der Anfang war geprägt von Vorträgen und Werbeveranstaltungen zur Intervention. Heute gibt es darüber hinaus einen Newsletter, eine ausführliche Homepage, zahlreiche entwickelte Praxismaterialien, wie z. B. Dokumentationsbögen, Curricula und die Notfallkarte sowie Buchveröffentlichungen, Kooperationen in europaweiten Forschungs- und Praxisprojekten, Fachtagungen und verschiedene Filmclips, u. a. den neuen S.I.G.N.A.L.-Erklärfilm. Die Expertise von S.I.G.N.A.L. e. V. ist über Berlin hinaus gefragt. So engagiert sich S.I.G.N.A.L. e.V. zum Beispiel im Bündnis Istanbul-Konvention für die bundesweite Umsetzung von Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt.

S.I.G.N.A.L.: Ein Blick nach vorn: Was möchte S.I.G.N.A.L. e. V. in den nächsten 10 Jahren erreichen bzw. verändert sehen?

Angelika May: Ja, 10 Jahre klingt lange, ist es aber nicht. Ich finde es richtig, weiterhin Stellschrauben und Möglichkeiten zu identifizieren, um standardisiert Interventionsmaßnahmen in Gesundheits- und Bildungseinrichtungen zu verankern. Hilfreich sein können die Istanbul-Konvention, die WHO-Leitlinien und die Qualitätsmanagement-Richtlinie (QM-RL) des Gemeinsamen Bundesausschusses. Zu allem gehört auch die Finanzierung der u. a. pflegerischen und medizinischen Leistungen.

Was ganz sicher noch fehlt ist eine bundesweite Koordinierung von Maßnahmen, die nicht regional zu lösen sind. Mir persönlich liegt sehr am Herzen, das Thema häusliche und sexualisierte Gewalt und Intervention in den Curricula aller medizinischen Ausbildungs- und Studiengänge zu verankern. Wir haben über die Jahre die Erfahrung gemacht, das große Handlungsunsicherheit von Fachpersonen dazu führt, dass das Thema in der Versorgung nicht aufgegriffen wird. Dies sehe ich als Aufgabe und Herausforderung für Bildungseinrichtungen.

S.I.G.N.A.L.: Hast Du eine Botschaft für die Gesundheitsversorgung, was liegt Dir besonders am Herzen?

Angelika May: Was uns alle und auch mich zurzeit besonders beschäftigt ist natürlich die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen. Ich war froh darüber, dass bereits im März und April 2020 in Presse, Funk und Fernsehen darauf hingewiesen wurde, dass Quarantäne und Isolation, Kontaktbeschränkungen, Existenzängste, familiäre Belastungen und manches mehr auch die Zunahme von häuslicher und sexueller Gewalt fördern können. Deshalb habe ich weniger eine Botschaft, sondern eher den Wunsch an Gesundheitsfachpersonen, sie mögen trotz ihrer enormen Arbeitsbelastung und des ständigen Infektionsrisikos besonders achtsam sein, ob es bei ihren Patient*innen Anzeichen für das Erleben von Gewalt gibt. Ich glaube, dass Gesundheitsfachpersonen in diesen außergewöhnlichen Zeiten mehr denn je Ansprechpersonen für Betroffene sind und ich habe großen Respekt davor, was sie unter Corona Bedingungen in Gesundheitseinrichtungen leisten.

S.I.G.N.A.L.: Liebe Angelika, wir bedanken und für das Interview.